Götterdämmerung (1/5)

Posted by Daniel Stalker
In Fiction
28Apr 09

Einsamkeit begleitete die Kälte, die mir an den Beinen empor kroch, als ich in der Dunkelheit der Nacht auf die Bahn mitten im Nirgendwo wartete. Ich hatte das Päckchen abgeliefert, der Auftrag war erfüllt, alles war wie immer, doch nichts war wie geplant gelaufen. Obwohl, jetzt wo ich un Ruhe darüber nachdenke, war gar nichts wie immer. Alles hatte sich verändert. Schon wieder. Normalerweise sind diese Kurieraufträge easy going. Es ist egal, was man sicher abzuliefern hat, man liefert es einfach ab: Datenträger, Wertgegenstände, Personen. Egal. Aber dieser Personenschutzauftrag hatte es in sich. Alles begann vor vier Wochen…

Langsam kroch ich aus dem Unterschlupf in die Nacht, die über der Stadt lag. Der Staub, den ich bei der Sache mit den Zierblumen aufgewirbelt hatte, hatte sich gelegt, war einem dichten Nebel und feinsprühendem Nieselregen gewichen.
Ich schlenderte die Strasse entlang und versuchte krampfhaft, nicht den Kopf einzuziehen. In meinem Magen hatte sich eine Menge Sturheit und Trotz angesammelt, die raus wollten; und wenn ich sie nur gegen das Wetter richte.
Ich war gerade auf dem Weg in Charlies Bar, ein neuen Auftrag sollte mich aus meiner finanziellen Misere holen. Am Telefon hatte sie gesagt, dass es was ganz Einfaches sein sollte. Leicht verdientes Geld, aber sie könne mir nicht sagen, worum es geht.
Ich kam um die letzte Ecke, Tommy, der Türsteher des Elysium hatte mich schon gesehen und hielt mir die Tür auf. Mir lief wie immer ein Schauer über den Rücken, wenn ich mich an dem Schrank vorbei schob. Eigentlich ein netter Kerl, aber er machte einem durch seine Wuchtigkeit einfach Angst. Mit ihm wollte man sich nicht anlegen. Ich schüttelte diese Gedanken ab und bahnte mir einen Weg durch den verrauchten Club in Richtung der Hinterzimmer. Ich war jetzt schon ein paar Jahre in diesem Business, aber als Techie und Nerd hatte ich mich nie ganz an dieses Milieu gewöhnen können, doch zog der Kitzel der Gefahr den kleinen Raubtiertteil in mir immer wieder hier her.
Nachdem ich Charlies Büro betreten und sie zur Begrüßung umarmt hatte, setzte ich mich auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch, goss mir ein Glas Scotch, einen guten 17jährigen Ardbeg, ein, während wir ein wenig Smalltalk betrieben. Ich kannte sie nun schon seit 15 Jahren und wir wussten viele Details aus dem Leben des anderen, doch dieses Gespräch hatte einen seltsamen, ja fremden Unterton. Ich hatte das Gefühl als lägen 10000V Spannung in der Luft, aber ich konnte den Grund dafür nicht wirklich greifen. Die Tür öffnete sich hinter mir und ich hörte, wie Tommy sich räusperte: “Charlie, das Paket ist angekommen.”
In diesem Moment sackte die Temperatur im Büro spontan um 10°C ab, um sofort wieder um 30° anzusteigen. Augenblicklich stellten sich meine Nackenhaare auf, all mein Blut fiel in die sich weitende Bauchschlagader, und ich musste hart kämpfen, um bei dieser unwillkürlich aufsteigenden Angst nicht die Kontrolle zu verlieren. Obwohl ich in diesem Moment angespannt wie die Sehne eines Langbogens war und meine Sinne die Schärfe einer Katanaklinge hatten, nahm ich nichts weiter wahr außer diesem unbestimmten Gefühl der Gefahr, bis etwas meine rechte Schulter berührte.
Ich strecke blitzartig mein linkes Knie durch und ließ mein rechtes Bein einknicken, um mich vom Stuhl gleitend unter dem, was sich dort an meinem rechten Ohr vorbei bewegte, durchzuducken und griff nach dem, was ich nun als Arm einer Frau erkannt. Katzengleich wich sie meinen Bewegungen aus. Wenn ich katzengleich sage, meine ich damit lautlos, zielsicher, präzise. Diese Frau war ein Raubtier, keine Hauskatze. Ohne zu wissen, wie mir geschah, war mein Arm äußerst schmerzhaft auf den Rücken gedreht und ich hatte eine Hand an der Kehle, die langsam zudrückte.
Ich hörte, wie Charlie langsam aber geräuschvoll ausatmete, nachdem sie wohl vor Schreck die Luft angehalten hatte: “Darf ich vorstellen? Daniel, das ist Artemis.”
Ich blickte in ein Paar tiefer blauer Augen, verfolgte die sanften Züge ihres Gesichtes bis zu ihren vollen, sinnlichen Lippen und konnte an nichts anderes denken als:
“Artemis? Die Jägerin der griechischen Mythologie? Wie treffend! Wahrhaftig eine Göttin…”


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